Vom Kibbuz nach Jerusalem und Tel-Aviv Jafo (dritter Tag)

Ich hoffte einmal auszuschlafen. Doch wie schon erwähnt, haben die Katzen gewählt ihre Dispute vor meiner Tür auszutragen und das gleich mehrfach. Schlecht, denn ich wollte unbedingt voll entspannt sein, da Zsuzsi mich nach Jerusalem fahren wollte.

Natürlich hatte Zsuzsi viele geheime Tipps, die ich niemals mit den Öffentlichen erreicht hätte. Als erstes fuhr sie mich bei der Universität vorbei wo man einen Blick auf die andere Seite Jerusalems haben kann. Man stelle es sich vor, auf der einen Seite schaut man auf Al-Quds, der Moscheekomplex, der Klagemauer, Davidstadt usw. und auf der anderen Seite ein Blick den Berg herunter auf die Wüste mit mehr grünen Flecken als gelbe oder weiße, denn überall wachsen Sträucher.

Den Berg herunter grasen Ziegen und Führer stehen an dem angebauten Panorama und erklären von Napoleon und den Engländern. Wie hängende Gärten kann man zwei Etappen runter gehen. Da war eine Frau mit einem eigenen „Leibführer“. Sie hatte ihre Karte aufgelegt und der Führer stritt mit ihr, wer was wann wo zuerst eroberte. Eigentlich ein störendes Bild, dann aber ist Jerusalem auch Streitpunkt seit tausenden Jahren, warum also sollen die friedlich reden dachte ich mir.

Wie ich langsam feststelle werde ich überall grundsätzlich als jüdischer Israeli wahrgenommen. Egal ob ich in Englisch, Deutsch oder Arabisch frage, wird erst einmal in Hebräisch geantwortet. So dann auch dieser englische Fremdenführer, den ich mit „Have a good day“ begrüßte, welcher dann in Hebräisch mir freundlich antwortete und zunickte.

Ich wusste noch nicht ob diese Wahrnehmung ein Vorteil oder ein Nachteil sein wird. Ich merkte, dass ich mich in Israel stets mit Ägyptisch-Deutsch vorstelle, wenn die Menschen doch fragen und nicht mit Deutsch-Ägyptisch. Vermutlich, so glaube ich, liegt es daran, dass ich hier tatsächlich mich etwas in Ägypten fühle. Ferner sehen die meisten Menschen hier eher Arabisch aus als in Europa. Es fällt mir auch schwer die Palästinenser von den Israelis zu trennen. Wenn da nicht eine Kippa auf dem Kopf ist oder diese typische jüdische “Mitpachat” oer “Kisi-Rosh” welches die konservativen Frauen tragen. Letztendlich ist es identisch zu einem Kopftuch in Funktion und manchmal sieht es gemein identisch aus. Natürlich kann man die Männer in Schwarz nicht übersehen, wobei sie in Jerusalem fast normal sind. Sie tragen ihre Hüte und schwarzen Strumpfhosen und darüber ein Schwarzen Kittel der in Beige oder Orange mit einem Afghanenkittel verwechselt werden könnte.

Aber unter den Durchschnittsnormalbürger kann man nur schwer zwischen Palästinenser und Hebräer unterscheiden.

Das wars dann mit dem View und wir wendeten uns dem Ölberg zu. Zsuzsi wollte mir noch unbedingt den arabischen Laden zeigen, wo sie ihre Jacke für die Hochzeit ihres Sohnes gekauft hatte. Ich weiß nicht wie ich das beschreiben soll. Wir fuhren sehr steil herunter in einer engen Straße. Der Laden war auf der linken Seite kurz vor einer starken Kurve nach links. Halbrechts gab es dann noch zwei Abbiegungen und Gegenverkehr. Zsuzsi in aller Gottesruhe entschied sich genau an diesem krietischen Punkt mitten in der Straße zu wenden. Und nicht, dass sie es auf Anhieb schaffte, sondern mit vielem vor und zurück. Und bei jeder Gelegenheit zischte ein Auto zwischen der entstandenen Lücke. Und nicht genug, sie manövrierte dies gleich drei Mal. Ich dachte ehrlich, dass jeden Moment aus dieser Kurve ein Auto uns erwischt. Wir hatten Glück! Der Laden selbst war ein Touristenladen mit alles was ein Tourist in einem Laden wie die vor den All-Inklusiv Hotels in Hurghada finden würde.


Nun gut, für Zsuzsi ist es nicht nur der Laden den sie mir zeigt. Ihr liegt viel daran dem Marwan Hassan zu zeigen, dass es zwischen den Arabern und Juden hier funktioniert.

Endlich kamen wir dann doch zum Ölberg, wo ich ein paar Bilder von dem Felsendom machen konnte. Noch interessanter war, dass der ganze Hang mit Grabsteinen aus Kalkstein übersät war. Und ich rede hier von zigtausenden solchen Grabsteinen. Die Gräber sind sogar in ganz wenigen Fällen noch frisch belegt. Ich sah da ganz weit unten ein paar schwarzbekleidete Orthodoxen. Rechts runter konnte man die russische Kirche sehen mit einigen Zwiebeltürmen wie es im roten Platz ist. Von dort fuhr Szuszi durch eine Gasse mit einem Neigungswinkel von gut 50° Grad und einer 3 Meter Breite bis zum Kotel (der Klagemauer). Parken ist dort absolut unmöglich, doch von einer Seitenstraße rief ein junger Araber „Parking“. Für 50 Schekel fuhr er einen Wagen in einer engen Gasse von der Seite weg und ich durfte reinparken, da es dann doch für Zsuzsi zu schwer wäre, wobei sie sich nicht nehmen ließ, dann noch einmal in den Wagen zu steigen und ihn 10 cm vor um wieder 10 cm zurück zu fahren.

Zsuzsi ist zweifelsohne die stolzeste 72-Jährige die ich jemals gesehen habe. Und wenn sie beginnt ein Thema leidenschaftlich zu besprechen kann sie nicht gebremst werden. Allemal sind die Israelis ein stolzes Volk und das zurecht!

Auf dem Weg nach Jerusalem fuhr mich Zsuzsi 45 Minuten durch einen Wald, der Wüste war. Als die Juden nach Palästina kamen und hat man viele anfangs engagiert, Bäume zu pflanzen. Der Plan war, dass wenn nur genug Bäume anwachsen, dass irgendwann das Wurzelwerk des Waldes Wasser stauen wird und der Wald überleben wird. So ist es auch gekommen, wobei ich zwei Tage später erfuhr, dass der Grund der vielen Brände daran liegt, dass man in der Gründungszeit nicht daran gedacht hat, welche Bäume man einpflanzt. Sie trocknen zu stark im Sommer und sind so anfällig für Brände. Ob dies nun auch so stimmt kann ich nicht sagen, doch dies sagte mir Eli, welcher ebenfalls nicht unerwartet ein Orkan von Hilfsbereitschaft, Leidenschaft für sein Land und Freundlichkeit ist. Doch dies ist eine ganz andere Geschichte.

Zurück zum Kotel, die Klagemauer. Zsuzsi gab mir in ihrem österreichsichen Akzent klare Anweisungen, dass ich nicht zu reden habe, wenn wir am Checkpoint sind. Immerhin werde ich eh als Jude wahrgenommen. So war es auch. Ein Israeli äthiopischer Herkunft am Checkpunkt fragte mich ob ich zu ihr gehöre ich antwortete mit dem wenigen Hebräisch dann doch und er winkte mich durch.

Endlich an der Klagemauer. Ich nahm mein Hut hab, setze meine Kippah auf und machte meine Gebete, beim Männerabschnitt. Auch ich hatte meinen Zettel, den ich zurück in einem Spalt ließ. Es ist ein ergreifender Moment, dort zu stehen wo unsere Vorväter einst waren, immerhin sind wir Abrahamiten. Es fragte kein Mensch ob ich Jude, Muslime, Atheist oder Klingone bin. Die Orthodoxen Juden können ihre Lederriemen an einem Kiosk binden lassen und haben natürlich sehr vertieft ihre Gebete mit einknicken rezitiert, wie man es kennt. Ich denke „davening“ beschreibt es am besten, auch wenn es Englisch ist.

Nun schreibe ich es doch. Ich musste echt meine Tränen aus der Brille wischen. Keiner wird es verstehen, doch der eine Juden im Stuhl verstand es. Er hatte mir dann auch ein Foto gemacht.

Von hier sind wir dann durch einen Tunnel gegangen wo wir eine kleine Mahlzeit Humus mit Fritten gegessen haben. Zsuzsi blieb in der Gaststätte als ich zur Al-Aqsa Moschee und dem Felsendom ging, welche beide in der Al-Aqasa Umfriedung liegen und vom 7 Jh. stammen. Eigentlich wollte meine Vernunft darauf verzichten, denn hier dürfen nur Muslime rein. Ich schämte mich. Da gehe ich zum Kotel und kann neben Juden beten und dann muss Zsuzsi draußen bleiben. Doch so hat der israelische Staat es ausgehandelt und mehrere Wachen sorgen dafür, dass Nicht-Muslime nur in den Besucherzeiten reinkommen, während Muslime den ganzen Tag rein können. Doch ich war in 51 Jahren nicht hier, daher bin ich dann doch reingegangen.

Die erste Kontrolle, Soldaten in Blau: „Lo, lo“ (Hebräisch: Nein, nein).

Ich sagte ich bin Ägypter. Eigentlich hätte ich auch Muslime sagen können, doch ich schämte mich dafür, dass Zsuzsi unten blieb, wobei es ihr doch ihr gefiel eine Pause zu machen. Die erste Hürde überschritten musste ich durch die zweite Absperrung. Zwei sehr junge Soldatinnen in Grün: „Mr. You are not allowed in”. Ich fragte dann warum, und mir war bewusst, dass ich weiß warum, aber das soziale Spiel muss gespielt werden. „From where are you from?“ sagte die eine. Und ich sagte from Egypt and Germany. Die eine Soldatin war sehr fröhlich und sagte, dass sie in Hannover war und sagte: „Guten Tag, ich liebe dich“. Ich lachte und sagte, dass in Englisch leider schon vergeben bin. Sie lachte und fragte nach den Pass, den ich zeigte und ließ mich durch. Endlich durch das Haupttor dachte ich, aber nein. Dieselbe junge Soldatin muss hinterher und einem Palästinenser zurufen und auf mich zeigen. Dieser fing dann in Englisch mich zu fragen woher ich komme. Egal wie oft in Arabisch antwortete sprach dieser Englisch. Irgendwann sagte ich im deutlichen ägyptischen Akzent, dass er aufwachen soll. Er ließ mich durch.

Ich ging zuerst zur kleinen Moschee und merkte sofort wie ich von mehreren skeptisch angeschaut wurde. Auch bemerkte ich schon den ersten Sicherheitsmenschen in Zivil der diagonal nach links 20 Meter hinter mir lief. Trotz demonstrativen Gebet in der Moschee, wurde ich von Menschen angesprochen, woher ich komme. Und als ich dann auch noch von der zweiten Moschee rauskam bemerkte ich, einen anderen der meine Verfolgung aufnahm. Ich hatte auch beim Felsendom mich fotografieren lassen. Das machte eine nette junge Muslima. Ihre Mutter war sehr aufgeregt, dass ein Ägypter da sei und sprach ununterbrochen davon, wo sie überall in Ägypten war.

Ich wäre gerne länger geblieben, aber Zsuzsi wartete im Kaffee und so ging ich los. Aber natürlich wieder mit Verfolgung. Der Typ sprach dann irgendwann mich auch natürlich in Englisch an. Ich entschied mich stehen zu bleiben und nicht zu sprechen, bis er Arabisch spricht, was er dann im vierten Anlauf machte. Ich sagte, dass ich es dumm finde, dass er mich beobachtet. Er lächelte tatsächlich sehr freundlich und meinte es sei ihm nur aufgefallen, dass ich das Nachmittagsgebet nicht mitbetete, obwohl ich die zwei Rakas gebetet habe.

Nun, ich bin Tourist sagte ich und machte mich auf den Weg.

Halb erschöpft gingen wir zum Auto und fuhren dann zurück zum Kibbutz. Zsuzsi wie auch ich wollten kurz ruhen, bevor die Frau mich auch noch nach Tel-Aviv fährt.

19:30 ging es los und ich kam in das ein fantastisches altes Haus. Das Haus selbst ist zwar heruntergekommen, aber alles ist sauber. Zwei Musikerinnen und Musiker leben dort und ich freute mich auf die kommenden Tage.

Erschöpft, dankbar und mit viel Stoff zum Denken, entschied ich meinen Blog kurz zu pausieren, denn ich muss erst alles verarbeiten. Mittlerweile sah ich ein, dass es doch nicht so schlimm war, dass Touristen nur bis 14 Uhr besuchen dürfen. Es ist ja nicht so, dass keiner reindarf. Nur ist die bittere Realität, dass oftmals einige Palästinenser sich aufregen, wenn ein orthodoxer Juden da oben betet. Im Kontext der Orthodoxie ist es ja nicht ein frommes Gebet, sondern eines welches den Anwesenden den Gedanken demonstriert an demselben Ort den Tempel Salomons wiederaufzubauen. Das bedeutet dann auch immanent die Moscheen abzureißen. Dann gibt es auch noch solche Palästinenser, welche, in ihrer weit übers Maß schreiten . Ich habe nichts dergleichen erlebt. Doch wie wäre es wenn ich aus der Hosentasche meine Kippah gezogen und aufgesetzt hätte. Ich möchte nicht urteilen, wer nicht betroffen ist hat leichtes Reden. Wenns nach mir ginge, hätte ich den Juden den Zutritt jederzeit gelassen und auch das Beten, solange sie nicht zu den 5 Gebeten sich extra vor die Muslime stellen. Gerne würde ich sehen, dass Muslime sogar helfen einen Teil des Tempels aufzubauen. Mit heitiger Technik kann man beide Moscheen Abrahamiten integrieren.

Jerushalayim, „Der Ort des Friedens“ wie du heißt, wie viele Idioten auf der Welt haben deinen Namen schon verfehlt.

Ich freue mich dich gesehen zu haben, doch werde ich wiederkommen müssen, denn ich möchte unbedingt das Grab von Shimon Peres besuchen und Yad Vashim. Doch brauche ich einen Tag ruhe von dir.

Shalom